Medizinisches Cannabis bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Was Patienten wissen müssen
2026-06-05
Rund 17 Millionen Menschen in Deutschland leben mit einer Herz-Kreislauf-Erkrankung. Viele davon teilen eine stille Sorge: „Wie verträgt sich eine neue Therapie mit meinem Herzen?“ Gerade wenn Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Betablocker zum Alltag gehören, ist die Unsicherheit groß, ob medizinisches Cannabis eine sichere Therapieoption ist.
Und diese Unsicherheit ist absolut nachvollziehbar. Hier geht es nicht um irgendein Symptom, sondern um Dein Herz.
Da Cannabinoide direkt mit dem Herz-Kreislauf-System interagieren, ist eine individuelle ärztliche Bewertung zwingend erforderlich. In diesem Beitrag geben wir Dir eine erste Orientierung, damit Du im nächsten Arztgespräch gut vorbereitet bist.
TL;DR
- THC kann Puls und Blutdruck beeinflussen, was bei Vorerkrankungen (KHK, Herzinsuffizienz) Risiken birgt.
- Wechselwirkungen mit Herzmedikamenten (Blutverdünner, Betablocker) sind möglich.
- In der Praxis wird häufig ein vorsichtiger Therapieansatz verfolgt (Start low, go slow) mit Fokus auf gut verträgliche Wirkprofile und geeignete Darreichungsformen.
- Wichtig: Keine Therapie ohne enge Absprache mit dem behandelnden Arzt und Kardiologen.
Wie wirkt Cannabis auf das Herz-Kreislauf-System?
Ein Blick in die Biologie zeigt, warum medizinisches Cannabis bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen besondere Aufmerksamkeit benötigt.
THC vermittelt seine Wirkung hauptsächlich durch das Endocannabinoid-System (ECS). Das Endocannabinoid-System ist ein Netzwerk aus Rezeptoren, die im Gehirn und Nervensystem vorhanden sind, einschließlich Herz und Blutgefäßen. Dort ist das ECS an der Regulation des Herzrhythmus, des Gefäßtonus (Gefäßspannung) und der allgemeinen Homöostase (Gleichgewicht) des Kreislaufs beteiligt [1].
Kurz nach der Einnahme von THC reagiert der Körper mit messbaren Reaktionen. Der Puls steigt, die Blutgefäße weiten sich und der Blutdruck kann vorübergehend sinken. Für ein gesundes Herz ist das in der Regel tolerierbar. Für Herzpatienten kann diese Belastung zu stark sein.
Warum das Herz so reagiert
Besonders der Anstieg des Pulses ist für die meisten Patienten ein bekanntes Phänomen nach der Einnahme von THC. Dabei ist diese Reaktion keine Nebenwirkung, sondern eine Kompensationsreaktion des Körpers. Durch die Einnahme von THC weiten sich die Blutgefäße und der Blutdruck fällt. Um das auszugleichen, erhöht das Herz seine Schlagfrequenz [1].
Gleichzeitig kann THC den sogenannten Parasympathikus aktivieren, also das Ruhesystem unseres Nervensystems. Das kann wiederum Auswirkungen auf den Blutdruck haben.
Warum Herzpatienten vorsichtig sein müssen
Wie wir gesehen haben, versetzt THC das Herz in einen Zustand erhöhter Aktivität. Der Puls steigt, der Blutdruck schwankt und die Gefäße weiten sich. Für einen gesunden Organismus ist das in der Regel tolerierbar. Für ein vorerkranktes Herz können die veränderten Bedingungen jedoch zu einer echten Herausforderung werden.
Herzkrankheiten verändern auch die Belastungsgrenze des Herzens. Belastungen, die ein gesundes Herz locker wegsteckt, können ein erkranktes Herz an seine Grenzen bringen. Somit ist die Ausgangssituation von Herzpatienten besonders sensibel, weshalb eine enge ärztliche Abstimmung erforderlich ist, wenn Medizinalcannabis in Betracht gezogen wird.
Vier Erkrankungen, vier Risikoprofile
Jede Herz-Kreislauf-Erkrankung hat individuelle Implikationen für den Gebrauch von Medizinalcannabis. Die folgenden Beschreibungen ersetzen kein Arztgespräch und dienen lediglich als grobe Orientierung [2]:
- Koronare Herzkrankheiten (KHK): Bei verengten Herzkranzgefäßen ist die Sauerstoffversorgung des Herzens eingeschränkt. Ein THC-bedingter Pulsanstieg erhöht gleichzeitig den Sauerstoffbedarf. Diese Kombination erhöht das Risiko für Angina pectoris und im schlimmsten Fall für einen Herzinfarkt.
- Herzinsuffizienz: Ein geschwächtes Herz kämpft darum, den Körper mit Blut zu versorgen. Blutdruckabfälle und Schwankungen im Kreislauf durch THC können dieses fragile Gleichgewicht weiter destabilisieren.
- Herzrhythmusstörungen: THC beeinflusst das autonome Nervensystem und kann bestehende Arrhythmien begünstigen. Das ist besonders bei Patienten, die zu Vorhofflimmern oder anderen Rhythmusproblemen neigen, ein Problem.
- Arterielle Hypertonie: Bluthochdruck gehört zu den häufigsten Herz-Kreislauf-Erkrankungen überhaupt. THC kann den Blutdruck kurzfristig senken. Obwohl sich das zunächst positiv anhört, kann die Kombination mit blutdrucksenkenden Medikamenten problematisch sein.
Medikamente und Wechselwirkungen
Viele Herzpatienten nehmen täglich Medikamente ein. Hier liegt ein weiterer Risikofaktor, da Cannabinoide in Wechselwirkung mit gewissen Medikamenten und Wirkstoffen treten können. Besonders relevant sind dabei [3]:
- Betablocker (z. B. Metoprolol, Bisoprolol): Sie regulieren den Puls. Da THC ebenfalls den Puls beeinflusst, kann die gleichzeitige Einnahme die Wirkung des Betablockers abschwächen oder zu unvorhersehbaren Pulsverläufen führen.
- Blutverdünner (z. B. Marcumar, Apixaban, Rivaroxaban): Veränderte Abbauraten der Blutverdünner können dazu führen, dass die blutverdünnende Wirkung stärker oder schwächer ausfällt als geplant.
- Blutdruckmedikamente (z. B. ACE-Hemmer): In Kombination mit den blutdrucksenkenden Effekten von Cannabis besteht das Risiko eines starken Blutdruckabfalls, was zu Nebenwirkungen wie Schwindel oder Kreislaufkollaps führen kann.
- Statine (z. B. Simvastatin, Atorvastatin): Cholesterinsenker gehören bei vielen Herzpatienten zur Therapie. Die gleichzeitige Einnahme mit THC kann zu veränderten Abbauraten führen und damit zu einem höheren Risiko für Nebenwirkungen.
- Diuretika (z. B. Furosemid, Torasemid): Entwässerungsmittel werden häufig bei Herzinsuffizienz eingesetzt. In Kombination mit dem blutdrucksenkenden Effekt von THC steigt das Risiko für einen starken Druckabfall.
Die Einnahme jeglicher Medikamente muss vollständig mit dem behandelnden Arzt abgeklärt werden. Auch mit dem behandelnden Kardiologen, der die Herzkrankheiten therapiert, sollte Rücksprache gehalten werden.
Worauf es in der Praxis ankommt: Dosierung und Wirkstoffe
Die folgenden Hinweise ersetzen keine ärztliche Beratung und sind ausschließlich als erste Orientierung gedacht. Ob und in welcher Form medizinisches Cannabis für Dich geeignet ist, kann nur ein Arzt im individuellen Gespräch beurteilen.
THC: Warum die Dosierung entscheidend ist
Bei medizinischem Cannabis können insbesondere hohe Dosen starke Nebenwirkungen auslösen. Daher setzt man in der Cannabistherapie auf das Prinzip „Start low, go slow”. Anfangs werden also möglichst geringe Einstiegsdosen eingesetzt, die dann langsam und kontrolliert gesteigert werden. Besonders für Herzpatienten, die Medizinalcannabis nutzen, ist dieses Prinzip empfehlenswert. Mehr dazu, wie medizinisches Cannabis richtig dosiert wird, erfährst Du in unserem ausführlichen Dosierungsratgeber.
Eine Analyse von über 430.000 US-amerikanischen Erwachsenen zeigte, dass häufiger Cannabiskonsum mit einem höheren Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse verbunden ist [4]. Noch deutlicher ist eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2025 [5]. 24 Studien wurden ausgewertet mit dem Ergebnis, dass Cannabiskonsumenten ein um 29 % erhöhtes Risiko für akutes Koronarsyndrom und ein um 20 % erhöhtes Risiko für Schlaganfall haben.
Diese Untersuchungen befassen sich hauptsächlich mit dem nichtmedizinischen Rauchen von Cannabis. Dennoch zeigt sich klar, dass THC Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf-System hat, weshalb Herzpatienten besonders vorsichtig sein sollten.
Welche Rolle spielt CBD?
CBD hat bezüglich des Herz-Kreislauf-Systems ein deutlich günstigeres Wirkprofil. Studien deuten darauf hin, dass CBD entzündungshemmende und gefäßschützende Eigenschaften aufweisen könnte [6]. Zudem bestehen erste Hinweise auf blutdrucksenkende Effekte. Eine weitere Studie, die beim ESC Heart Failure Congress 2025 vorgestellt wurde, zeigt, dass pharmazeutisch hergestelltes CBD keine erhöhte Rate von Nebenwirkungen des Herz-Kreislauf-Systems hervorruft – auch bei Patienten mit Herzerkrankungen.
Es gibt keine abschließenden klinischen Daten dazu, inwiefern CBD eine Cannabistherapie von Herzpatienten bereichern kann. Dennoch verbleibt CBD als eine interessante, aber bislang nicht abschließend bewertbare Option.
Die konkrete Einnahmeform hat Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf-System. Eine Studie der UC San Francisco zeigte, dass regelmäßiges Rauchen von Cannabis die Gefäßfunktion beeinträchtigt und zusätzliche schädliche Veränderungen im Blutserum anrichten kann [8]. Bei Personen, die orale Cannabispräparate wie Edibles zu sich nahmen, traten die Blutserum-Veränderungen zwar nicht auf. Die Gefäßfunktion war jedoch ebenfalls eingeschränkt.
Für Herzpatienten bedeutet das, dass Rauchen grundsätzlich kontraindiziert ist. Aber auch nichtinhalative Einnahmeformen wie orale Präparate sind nicht ohne Risiko und müssen eng ärztlich begleitet werden.
Fazit: Medizinisches Cannabis bei Herzpatienten – Was Du jetzt tun kannst
Eine Cannabistherapie birgt besondere Risiken für Herzpatienten. THC beeinflusst Puls, Blutdruck und Gefäßtonus direkt. Zudem sind Wechselwirkungen mit Herzmedikamenten möglich.
Wer medizinisches Cannabis in Betracht zieht, sollte ein ausgiebiges Arztgespräch führen. Dort sollten jegliche Vorerkrankungen und Begleitmedikationen vorgelegt und ausgiebig besprochen werden. Nur so kann der Arzt Deine individuelle Situation korrekt bewerten und einen Plan verabschieden. Auch die Rücksprache mit Deinem behandelnden Kardiologen ist ein wichtiger Schritt für Deine Sicherheit.
Quellen
[1] Pacher, P., et al. (2018): The Endocannabinoid System and Cardiovascular Disease.
[2] DeFilippis EM, Bajaj NS, Singh A, Malloy R, Givertz MM, Blankstein R, Bhatt DL, Vaduganathan M. Marijuana Use in Patients With Cardiovascular Disease: JACC Review Topic of the Week. J Am Coll Cardiol. 2020 Jan 28;75(3):320-332. doi: 10.1016/j.jacc.2019.11.025. PMID: 31976871; PMCID: PMC7977484.
[3] Lopera V, Rodríguez A, Amariles P. Clinical Relevance of Drug Interactions with Cannabis: A Systematic Review. J Clin Med. 2022 Feb 22;11(5):1154. doi: 10.3390/jcm11051154. PMID: 35268245; PMCID: PMC8911401.
[4] Jeffers AM, Glantz S, Byers AL, Keyhani S. Association of Cannabis Use With Cardiovascular Outcomes Among US Adults. J Am Heart Assoc. 2024 Mar 5;13(5):e030178. doi: 10.1161/JAHA.123.030178. Epub 2024 Feb 28. PMID: 38415581; PMCID: PMC10944074.
[5] Storck W, Elbaz M, Vindis C, Déguilhem A, Lapeyre-Mestre M, Jouanjus E. Cardiovascular risk associated with the use of cannabis and cannabinoids: a systematic review and meta-analysis. Heart. 2025 Oct 29;111(22):1047-1056. doi: 10.1136/heartjnl-2024-325429. PMID: 40527600.
[6] Abdalla H, Bacon A, VanDolah H. Cannabidiol in Cardiovascular Disease: A Review of Current Evidence and Future Directions. Mayo Clinic Proceedings, 2026; 101, 297-309
[7] Cooper et al. (2025): Cardiac safety of pharmaceutically manufactured cannabidiol in patients at increased cardiovascular risk – präsentiert beim ESC Heart Failure Congress 2025, Belgrad 🔗 https://www.escardio.org/The-ESC/Press-Office/Press-releases/No-cardiac-safety-concerns-reported-with-a-pharmaceutically-manufactured-cannabidiol-formulation
[8] Mohammadi L, Navabzadeh M, Jiménez-Téllez N, Han DD, Reagan E, Naughton J, Zhou LY, Almeida R, Castaneda LM, Abdelaal SA, Park KS, Uyemura K, Cheung CP, Onder MN, Goyal N, Rao P, Hellman J, Cheng J, Wu JC, Marcus GM, Springer ML. Association of Endothelial Dysfunction With Chronic Marijuana Smoking and THC-Edible Use. JAMA Cardiol. 2025 Aug 1;10(8):851-855. doi: 10.1001/jamacardio.2025.1399. Erratum in: JAMA Cardiol. 2025 Aug 1;10(8):864. doi: 10.1001/jamacardio.2025.2405. PMID: 40434782; PMCID: PMC12120671.