Sativa-Sorten wird traditionell ein zerebrales, kopflastiges „High“ zugeschrieben, Indica-Sorten schreibt man traditionell einen müdemachenden Couch-Lock-Effekt zu. Beide Zuweisungen gelten heute als stark vereinfacht und lassen sich wissenschaftlich nur begrenzt bestätigen.
Für die therapeutische Wirkung spielen heute andere Faktoren eine deutlich größere Rolle als die klassische Einteilung in Indica und Sativa. Lediglich Grower könnten daraus noch Erkenntnisse für ihren Anbau ziehen.
Doch was ist dann wirklich relevant, um mehr über eine Sorte zu wissen? Welche Kategorien ergeben heute Sinn? Wir möchten das Thema für Dich einordnen, damit Du als Cannabispatient genau Bescheid weißt.
Historisch gesehen waren die Begriffe Indica und Sativa nützliche Wegweiser. Im 18. Jahrhundert dienten sie Botanikern dazu, die Herkunft und das Aussehen von Cannabispflanzen zu klassifizieren.
Eine Sativa war eine hochwachsende Pflanze aus den Tropen mit länglichen, schmalen Blättern. Eine Indica war eine buschähnliche Pflanze aus dem Gebirge, die breite Blätter aufwies. Diese sogenannten „Landrassen“ waren an ihre Heimat angepasste, isolierte botanische Zeitkapseln.
Mit der modernen Cannabiszucht hat sich das Bild jedoch stark verändert. In den 1970er-Jahren fingen Züchter an, Landrassensorten gezielt miteinander zu kreuzen, um die besten Eigenschaften beider Welten in einer Pflanze zu vereinen. Zu den erwünschten Eigenschaften gehörten höhere Wirkstoffgehalte, kürzere Blütezeiten oder spezifische Aromaprofile.
Durch diese gezielte Kreuzung entstanden die ersten stabilen Hybride, die heute Kultstatus genießen:
- Skunk #1
- Northern Lights
- Haze
- Blueberry
Man bezeichnet sie als stabile Hybride, weil sie über mehrere Generationen selektiert und stabilisiert wurden und dadurch relativ vorhersehbare Eigenschaften aufweisen. Landrassen trugen eine wilde und unberechenbare genetische Vielfalt in sich, wodurch jede Pflanze anders aussah, roch und wirkte. Die stabilen Hybride boten den Vorteil, dass sie vorhersehbar wuchsen und reproduzierbare Aroma- und Wirkprofile entwickelten.
Heute ist diese Entwicklung so weit fortgeschritten, dass die Begriffe Indica und Sativa fast nur noch Marketing-Hüllen sind. Viele der heutigen Cannabissorten sind genetisch auf wenige frühe stabile Hybride zurückzuführen. Sie sind genetische Mischungen, in denen die Genlinien so stark verschwommen sind, dass das Aussehen (Botanik) kaum noch Rückschlüsse auf die Wirkung (Chemie) zulässt.
In der modernen Cannabistherapie spielen andere Punkte eine deutlich größere Rolle als die klassische Einteilung in Sativa oder Indica. Statt auf die Form der Blätter zu schauen, rückt heute vor allem die chemische Zusammensetzung in den Fokus.
Dabei begegnen Dir häufig drei Begriffe: Kultivar, Chemovar und Phänotyp. Sie beschreiben unterschiedliche Aspekte einer Cannabispflanze und helfen dabei, ihre Eigenschaften besser einzuordnen.
Der Begriff Kultivar (von cultivated variety) ist im Grunde der Familienname einer Pflanze. Er beschreibt also die genetische Herkunft und ersetzt als Begriff das, was man umgangssprachlich eine „Sorte“ nennt.
Ein Kultivar sagt zunächst nur etwas darüber aus, aus welchen genetischen Linien eine Pflanze hervorgegangen ist. Nur weil zwei Pflanzen denselben Namen tragen, sind sie keine Klone. Zwei Pflanzen desselben Kultivars können unterschiedliche chemische Profile entwickeln – der Kultivar gibt lediglich den genetischen Rahmen vor, was die Pflanze theoretisch leisten kann.
Für die Wirkung einer Cannabissorte ist primär der sogenannte Chemovar entscheidend. Der Begriff steht für „chemische Varietät“ und beschreibt das tatsächliche Wirkstoffprofil der Pflanze.
Der Chemovar umfasst:
- Das Cannabinoidprofil: Die Mengenverhältnisse von Wirkstoffen wie THC, CBD und CBG bilden das pharmakologische Fundament. Wie Du ein Analysezertifikat liest und welche Werte wirklich zählen, erklären wir Dir in unserem Beitrag „Cannabis-Zertifikate entschlüsselt“.
- Das Terpenprofil: Ätherische Duftstoffe wie Myrcen, Limonen oder Beta-Caryophyllen verleihen der Blüte ihr Aroma und tragen zur chemischen Zusammensetzung bei. Falls Du mehr darüber erfahren willst, empfehlen wir unseren Terpen-Beitrag.
Der entscheidende Unterschied: Der Kultivar beschreibt die genetische Veranlagung, was theoretisch möglich ist. Ein Kultivar kann dabei verschiedene Chemovare ausbilden, in Abhängigkeit von den Anbaubedingungen.
Der Chemovar definiert, was tatsächlich in der Blüte enthalten ist. Er ist somit die Grundlage für die Reproduzierbarkeit einer Cannabistherapie und ermöglicht die Einordnung einer Sorte basierend auf ihrer konkreten chemischen Zusammensetzung.
Warum können Cannabisblüten desselben Kultivars verschiedene Chemovare ausbilden und verschieden aussehen? Die Antwort liegt in der Epigenetik. Während die Genetik wie ein starrer Bauplan ist, ist die Epigenetik flexibel und entscheidet darüber, wie der Bauplan genau ausgelesen wird. Um das zu verstehen, hilft die Unterscheidung zwischen Genotyp und Phänotyp:
- Der Genotyp ist der feste Bauplan der Pflanze bzw. ihre Genetik. Der Genotyp wird von den Eltern vererbt und legt fest, was die Pflanze theoretisch kann.
- Der Phänotyp ist die sichtbare und messbare Pflanze. Er entsteht durch das Zusammenspiel des Genotyps (des genetischen Bauplans) mit seiner Umwelt.
Die Anbaubedingungen führen dazu, dass der Genotyp unterschiedlich ausgelesen wird und zu verschiedenen Phänotypen führt. Daher kann ein Kultivar von Hersteller A einen anderen Chemovar aufweisen als Blüten desselben Kultivars von Hersteller B.
Für Dich als Patient bedeutet dieses Wissen vor allem eines: Du kannst Deine Therapie bewusster verstehen und gemeinsam mit Deinem Arzt gezielter steuern.
Statt sich auf Begriffe wie Indica oder Sativa zu verlassen, lohnt sich ein Blick auf die konkrete chemische Zusammensetzung der Blüte und die genetische Herkunft. Besonders wichtig sind neben dem THC-Gehalt das Verhältnis der Cannabinoide sowie das Terpenprofil. Diese Faktoren können Hinweise darauf liefern, welche Wirkungen im Einzelfall zu erwarten sind, insbesondere wenn schon Erfahrungen mit gewissen Chemovaren bestehen.
Viele Patientinnen und Patienten stellen im Laufe ihrer Therapie fest, dass bestimmte Chemovare besser zu ihren individuellen Bedürfnissen passen als andere. Gemeinsam mit Deinem behandelnden Arzt kannst Du daher schrittweise herausfinden, welche Chemovare und Kultivare für Dich optimal funktionieren. Dieses systematische Vorgehen kann dabei helfen, Deine Therapie langfristig zu stabilisieren und sie möglichst gut auf Deine spezifischen Bedürfnisse abzustimmen.