Wer sich intensiver mit medizinischem Cannabis beschäftigt, stößt früher oder später auf den Begriff Living Soil. Doch was verbirgt sich eigentlich dahinter – und warum setzen einige Produzenten bewusst auf dieses Anbausystem?
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Living Soil – Was steckt hinter dem natürlichen Anbausystem?
2026-08-13
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Der Boden als lebendiges Ökosystem
Beim kanadischen Produzenten Kootenay Cultivar bildet Living Soil die Grundlage des gesamten Anbaus. Statt Pflanzen ausschließlich über mineralische Düngerlösungen zu versorgen, steht hier ein lebendiger Boden im Mittelpunkt. Mikroorganismen, Pilze und weitere Bodenlebewesen bilden ein komplexes Ökosystem, das organische Nährstoffe kontinuierlich in pflanzenverfügbare Formen umwandelt und so die Entwicklung der Pflanze unterstützt.
Mastergrower und Mitgründer Tyeson arbeitete viele Jahre mit mineralischen Anbaumethoden. Irgendwann suchte er bewusst nach einem anderen Ansatz – einem System, das weniger auf direkte Steuerung und mehr auf das Verständnis natürlicher Prozesse setzt. Diese Herausforderung fand er im Living Soil.
Warum große, permanente Beete?
Ein auffälliges Merkmal bei Kootenay Cultivar sind die großflächigen, dauerhaft angelegten Beete. Anders als beim Anbau in einzelnen Töpfen bleibt das Bodensystem über viele Kultivierungszyklen hinweg bestehen.
Dadurch können sich stabile mikrobielle Netzwerke und Mykorrhiza-Pilze langfristig etablieren. Gleichzeitig werden Wasser- und Nährstoffkreisläufe weniger gestört und die Pflanzen erfahren weniger Stress, da weder umgetopft noch das gesamte Substrat regelmäßig ausgetauscht werden muss.
Der Boden wird deshalb nicht nach jeder Ernte ersetzt, sondern kontinuierlich gepflegt, regeneriert und weiterentwickelt – ein Prinzip, das im regenerativen Gartenbau seit vielen Jahren Anwendung findet.

Biologischer Pflanzenschutz als Teil des Systems
Auch der Pflanzenschutz folgt diesem präventiven Ansatz. In den Kulturräumen hängen sogenannte Nützlings-Sachets, die beispielsweise Raubmilben oder andere natürliche Gegenspieler von Schädlingen enthalten. Diese Nützlinge werden kontinuierlich freigesetzt und tragen dazu bei, ein biologisches Gleichgewicht im Bestand aufrechtzuerhalten. Ziel ist es, Schädlingspopulationen frühzeitig zu kontrollieren und Eingriffe möglichst gering zu halten.

Begleitpflanzen als Teil des Living-Soil-Systems
Ein weiterer Bestandteil des Living-Soil-Ansatzes bei Kootenay Cultivar ist der gezielte Einsatz von Begleitpflanzen (Companion Plants). Zwischen den Cannabispflanzen wachsen unter anderem Buchweizen (Buckwheat), Ölrettich (Oilseed Radish), Ackerbohnen (Faba Beans) und – je nach Kultur – Klee (Clover).
Diese Pflanzen erfüllen unterschiedliche Aufgaben innerhalb des Bodensystems. Während Leguminosen wie Ackerbohnen und Klee Stickstoff binden und so zur langfristigen Bodenfruchtbarkeit beitragen können, lockern tiefwurzelnde Arten wie Ölrettich den Boden auf und fördern die Wasser- und Luftzirkulation. Buchweizen wiederum wächst schnell, schützt die Bodenoberfläche und unterstützt die Aktivität des Bodenmikrobioms. Gemeinsam tragen diese Begleitpflanzen dazu bei, ein stabiles und vielfältiges Bodenökosystem zu erhalten – ein zentraler Grundgedanke des Living-Soil-Anbaus.

Living Soil bedeutet nicht weniger Kontrolle
Der Begriff „natürlich“ bedeutet keineswegs, dass auf Kontrolle verzichtet wird. Im Gegenteil: Kootenay Cultivar analysiert regelmäßig Boden- und Substratproben im Labor, um den Nährstoffstatus zu überwachen und mögliche Defizite frühzeitig zu erkennen.
Das Anbausystem basiert auf dem Zusammenspiel von biologischen Prozessen, kontinuierlicher Beobachtung, Laboranalysen und gezielten Anpassungen.
Was sagt die Wissenschaft?
Living Soil wird in der Cannabisbranche häufig mit einer besonders hohen Blütenqualität in Verbindung gebracht. Die wissenschaftliche Evidenz ist jedoch differenzierter.
Eine Übersichtsarbeit im Journal of Cannabis Research beschreibt, dass Bodenmikroorganismen die Nährstoffaufnahme der Pflanze sowie die Bildung sekundärer Pflanzenstoffe – darunter Cannabinoide und Terpene – beeinflussen können. Gleichzeitig betonen die Autoren, dass die zugrunde liegenden Mechanismen bislang nur teilweise verstanden sind und weiterer Forschung bedürfen. (Springer Nature Link)
Auch eine Studie mit genetisch identischen Cannabispflanzen zeigte, dass unterschiedliche Anbausysteme und Umweltbedingungen zu messbaren Veränderungen im Cannabinoid- und Terpenprofil führen können. Dabei wiesen Pflanzen aus einem natürlichen Boden- und Sonnenlichtsystem ein anderes chemisches Profil auf als dieselbe Genetik aus einer Indoor-Kultivierung mit künstlichem Substrat. Die Autoren weisen jedoch ausdrücklich darauf hin, dass diese Unterschiede auf das Zusammenspiel mehrerer Faktoren – darunter Boden, Licht und Klima – zurückzuführen sind und nicht allein auf den Boden selbst. (PubMed)
Neuere Untersuchungen bestätigen zudem, dass die Zusammensetzung des Bodens und seiner mikrobiellen Gemeinschaften einen messbaren Einfluss auf das chemische Profil von Cannabis haben kann. Wie stark dieser Einfluss ausfällt, hängt jedoch von der jeweiligen Genetik und den konkreten Anbaubedingungen ab. (PMC)
Fazit
Living Soil ist kein Wundermittel und keine Garantie für hochwertigeres Cannabis. Genetik, Licht, Klima, Bewässerung sowie Ernte- und Nachernteprozesse spielen ebenfalls eine entscheidende Rolle für die Qualität der Blüten.
Der Living-Soil-Ansatz verfolgt vielmehr das Ziel, ein stabiles, biologisch aktives Bodensystem aufzubauen, in dem natürliche Prozesse optimal unterstützt werden. Für Produzenten wie Kootenay Cultivar bedeutet das nicht weniger Kontrolle – sondern Kontrolle durch ein tieferes Verständnis der biologischen Zusammenhänge.
Über den Autor
Tibor Rietzsch Junge ist Head of Marketing & PR bei IUVO Therapeutics und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit medizinischem Cannabis – von Anbau und Genetik bis hin zu Qualität, Terpenen und Post-Harvest-Prozessen. Sein Fokus liegt darauf, wissenschaftliche Erkenntnisse und praktische Erfahrungen aus der internationalen Cannabisbranche verständlich aufzubereiten und Patienten sowie Fachkreisen fundierte Einblicke in moderne Cannabisproduktion zu vermitteln.


