Importiertes Cannabis: Woher kommen medizinische Cannabisblüten in Deutschland?
2026-09-21
Wenn Du Dein Rezept in der Hand hältst und Dich nach medizinischen Cannabisblüten erkundigst, wirst Du feststellen: Nur wenig kommt aus Deutschland. Über 95 % des medizinischen Cannabis in Deutschland stammen nicht aus Deutschland.
2025 wurden mehr als 200 Tonnen getrocknete Cannabisblüten nach Deutschland importiert. Das ist fast dreimal so viel wie noch im Vorjahr. Schätzungen gehen davon aus, dass die inländische Produktion nur rund 5 % ausmacht. Deutschland ist damit der größte Markt für Medizinalcannabis in Europa, aber der Eigenanbau hinkt weit hinterher.
Da stellst Du Dir vielleicht die Frage: Woher genau kommen denn Deine Blüten? Und was passiert auf ihrem Weg? In diesem Beitrag erfährst Du, woher Deine Blüten wirklich kommen.
TL;DR
- Importmarkt: Die inländische Produktion kann die Nachfrage nicht decken, über 95 % der medizinischen Cannabisblüten werden importiert.
- Kanada dominiert: Rund die Hälfte der Importe stammte 2025 aus Kanada, gefolgt von Portugal als wichtigstem europäischen Exporteur.
- Weitere Lieferländer: Dänemark, Nordmazedonien, Malta und eine Reihe weiterer Länder ergänzen die Versorgung.
- Komplexe Lieferkette: Vom Anbauer über den Importeur zum pharmazeutischen Hersteller und Inverkehrbringer durchläuft jede Blüte mehrere streng regulierte Stationen.
Warum Deutschland (noch) auf importiertes Cannabis angewiesen ist
In Deutschland gibt es bis heute nur drei lizenzierte Anbaubetriebe für medizinisches Cannabis: Aurora, Tilray und Demecan. Demecan ist in dieser Reihe der einzige deutsche Betrieb, Aurora und Tilray stammen aus Kanada. Wie groß die Lücke ist, zeigte sich schon im Jahr 2024. Zusammen produzierten die drei Betriebe rund 2,6 Tonnen deutsches Medizinalcannabis, während 72 Tonnen importiert wurden.
2025 hat sich diese Lücke noch einmal deutlich vergrößert. Der Import stieg auf über 200 Tonnen. Wie viel die deutschen Produzenten im selben Jahr angebaut haben, hat das BfArM noch nicht veröffentlicht. Für 2026 melden die Unternehmen eine geplante Inlandsproduktion von 13,7 Tonnen. Immer noch ein Bruchteil des tatsächlichen Bedarfs.
Der Grund dafür liegt in der Vergangenheit. Bis zum April 2024 galt medizinisches Cannabis als Betäubungsmittel. Wer anbauen wollte, brauchte streng abgeriegelte Produktionshallen, videoüberwachte Schleusen und lückenlose Sicherheitskonzepte. Der Anbau musste in Hochsicherheitsanlagen erfolgen, um den hohen Anforderungen zu genügen.
Dazu kamen hohe Energiekosten, teure GMP-Infrastruktur und ein extremer regulatorischer Aufwand. Diese Kombination aus extremen Sicherheitsanforderungen und hohen Kosten wirkte wie eine Wachstumsbremse. Während internationale Produzenten ihre Kapazitäten ausbauen konnten, stagnierte die deutsche Produktion und war kaum wettbewerbsfähig.
Als das MedCanG im April 2024 den Zugang zu medizinischem Cannabis vereinfachte, explodierte die Nachfrage. Dabei konnten die deutschen Anbaustrukturen, aufgebaut unter BtM-Bedingungen, schlicht nicht mithalten. Das Ergebnis ist der Importmarkt, den wir heute haben.
Die wichtigsten Herkunftsländer im Überblick
Nachfolgend findest Du die größten Lieferländer für medizinisches Cannabis. Die Zahlen basieren auf den offiziellen BfArM-Importdaten für 2025. Insgesamt wurden in diesem Jahr über 200 Tonnen medizinisches Cannabis nach Deutschland importiert.
Kanada – 93 Tonnen
Rund die Hälfte des deutschen Medizinalcannabis kommt aus Kanada. 2024 waren es noch 33 Tonnen. Die Menge hat sich also fast verdreifacht.
Das Land hat als eines der ersten weltweit Cannabis legalisiert und verfügt über eine der weltweit stärksten Cannabis-Infrastrukturen. Große, GMP-zertifizierte Indoor-Anlagen, jahrelange Erfahrung auf höchstem Niveau und etablierte Exportstrukturen zeichnen die kanadische Produktion aus. Bekannte kanadische Unternehmen wie Aurora Cannabis und Tilray bauen auch in Deutschland an und gelten als die verlässlichsten Lieferanten auf dem Weltmarkt.
Portugal – 55 Tonnen
Portugal ist der größte Exporteur von Cannabis in Europa. Seit 2024 hat es seine Liefermenge nach Deutschland mehr als verdreifacht, damals waren es noch 17 Tonnen. Seit 2019 hat das Land seine Produktionskapazitäten massiv ausgebaut. Heute produzieren über 40 lizenzierte Unternehmen in Portugal Medizinalcannabis. Begünstigende Faktoren sind niedrige Arbeitskosten und pragmatische Regulierungsbehörden. Portugal dient zudem als Verarbeitungsstandort für Cannabis aus Drittländern wie Uruguay, indem hier die EU-GMP-konforme Verarbeitung stattfindet.
Dänemark – rund 9 Tonnen
Dänemark ist ein verlässlicher europäischer Produzent mit strengen pharmazeutischen Standards. Mit rund 9 Tonnen lieferte das Land im Jahr 2025 etwas mehr als im Vorjahr, damals waren es 7,4 Tonnen. 2018 startete in Dänemark ein staatliches Pilotprogramm für medizinisches Cannabis, welches 2025 dauerhaft in nationales Recht überführt wurde. Diese klaren und konstanten Rahmenbedingungen haben es Herstellern wie Stenocare erlaubt, ihre Rolle als Exporteur auf dem europäischen Markt zu etablieren.
Nordmazedonien – rund 8 Tonnen
Nordmazedonien ist ein Aufsteiger im europäischen Medizinalcannabis-Markt. 2025 lieferte das Land rund 8 Tonnen nach Deutschland und damit etwa dreimal so viel wie im Vorjahr, damals waren es 2,7 Tonnen. Günstige Produktionskosten und gezielte staatliche Förderung haben das Land in die Top 5 der deutschen Importquellen katapultiert.
Malta – rund 5 Tonnen
Malta ist die größte Überraschung des Jahres 2025. 2024 spielte das Land als Lieferant für Deutschland noch praktisch keine Rolle. 2025 hat es Malta in die Top 5 der Lieferanten geschafft. Malta hat 2018 einen gesetzlichen Rahmen für den Anbau und die Verarbeitung von medizinischem Cannabis geschaffen und sich seither als zuverlässiger EU-Standort für die Branche positioniert.
Weitere Lieferländer im Überblick
Deutschland bezieht seine Blüten aus zahlreichen weiteren Ländern. Knapp hinter den Top 5 liegt Spanien mit ebenfalls rund 5 Tonnen. Die Niederlande sind historisch einer der wichtigsten Pioniere. Bedrocan gilt als einer der ersten staatlich lizenzierten Produzenten und wird in der Pharmaindustrie als Qualitätsreferenz herangezogen. Israel führt in der pharmazeutischen Cannabisforschung und liefert wissenschaftlich gut dokumentierte Sorten. Aufsteigende Produzenten sind Südafrika, Kolumbien und Australien.
Die Lieferkette im Detail: Vom Anbau bis zur Apotheke
Um die Rolle des Herkunftslandes besser zu verstehen, hilft ein Blick auf die Lieferkette von Medizinalcannabis. Das bringt auch Klarheit in Begriffe wie Anbauer, Importeur und Inverkehrbringer.
Am Anfang steht der Anbauer, häufig auch Wirkstoffhersteller genannt. Er baut die Cannabispflanze gemäß dem UN-Einheitsübereinkommen über Suchtstoffe von 1961 an. Zudem unterliegt der Anbau dem strengen GACP-Standard. Mehr dazu kannst Du in unserem Beitrag zum GACP-Standard erfahren.
Nach dem Anbau und der ersten Verarbeitung tritt der Exporteur auf den Plan. Er holt die Ausfuhrgenehmigung bei der zuständigen nationalen Behörde ein. In Kanada ist das Health Canada, in Portugal Infarmed und in Dänemark die Danish Medicines Agency. Anschließend stellt er die Exportdokumentation sicher. Häufig sind Anbauer und Exporteur identisch.
Auf deutschem Boden übernimmt der Importeur. Je nach Herkunftsland sind unterschiedliche, chargenspezifische Genehmigungen nötig. Jede Lieferung wird also einzeln genehmigt, dokumentiert und überwacht.
Der pharmazeutische Hersteller übernimmt anschließend die EU-GMP-konforme Verarbeitung, Prüfung und Freigabe der Charge. Mehr zu diesen Produktionsschritten kannst Du in unserem Beitrag zum EU-GMP-Standard und in unserem Beitrag zu Trocknung und Curing nachlesen.
Den formalen Abschluss der Herstellung bildet die Qualified Person (QP). Sie ist eine namentlich bekannte, bei der zuständigen Fachbehörde registrierte Fachperson, welche die Prüfung und Freigabe jeder Charge persönlich übernimmt. Ohne die QP-Freigabe darf keine Blüte in Verkehr gebracht werden.
Der Inverkehrbringer bringt das Produkt anschließend auf den deutschen Markt und übernimmt die gesamte Verantwortung gegenüber Behörden und Patienten. Das ist der Name, den Du auf der Packung siehst. In der Praxis gilt: Importeur, pharmazeutischer Hersteller und Inverkehrbringer sind häufig dasselbe Unternehmen.
Die Apotheke ist schließlich die einzig legale Abgabestelle. Medizinalcannabis kann auf verschiedene Weisen an die Apotheken verteilt werden. Während viele Inverkehrbringer direkt Apotheken beliefern, übernehmen gelegentlich Großhändler diesen Zwischenschritt.
Medizinisches Cannabis Made in Germany?
Trotz aller strukturellen Herausforderungen und der Vorteile anderer Länder gibt es sie bereits: Medizinische Cannabisblüten aus deutschem Anbau. Demecan aus Sachsen stellt als einziges deutsches Unternehmen in Deutschland her und bietet bereits seine Produkte an. Zudem bieten die kanadischen Hersteller Tilray (in Neumünster) und Aurora (in Leuna) bereits deutsche Cannabisblüten an.
Kurz- und mittelfristig wird die Bedeutung deutscher Cannabisblüten wohl gering bleiben. Langfristig ist jedoch möglich, dass die deutsche Produktion ausgebaut wird und einen größeren Anteil der Versorgung übernimmt.
Was das für Dich als Patient bedeutet
Deine medizinischen Cannabisblüten haben einen langen Weg hinter sich, durch mehrere Länder, Behörden und Prüfstationen. Dabei hat jede Blüte, die legal in einer deutschen Apotheke landet, strenge pharmazeutische Standards durchlaufen. Der Import aus verschiedenen Ländern sorgt zudem für eine breite Sortenvielfalt und stabile Versorgung.
Was Du konkret tun kannst: Sprich mit Deinem Arzt oder Deinem Apotheker darüber, welche Rolle das Herkunftsland für Deine Therapie spielen kann. Vielleicht setzt Du lieber auf die jahrzehntelange Erfahrung kanadischer Hersteller als auf Importe aus jüngeren Märkten wie Nordmazedonien. Grundsätzlich sichert die pharmazeutische Verarbeitung nach EU-GMP aber vergleichbare Qualitätsstandards, unabhängig davon, wo die Pflanze gewachsen ist.