Cannabis Bioverfügbarkeit: Wie viel THC kommt wirklich im Körper an? (Rauchen vs. Verdampfen vs. Oral)

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Cannabis Bioverfügbarkeit: Wie viel THC kommt wirklich im Körper an? (Rauchen vs. Verdampfen vs. Oral)

2026-10-16

Kennst Du das? Du hältst Dich exakt an die Milligramm-Angaben auf Deinem Rezept, aber die Wirkung fühlt sich jedes Mal anders an. Mal flutet das THC augenblicklich ein, mal wartest Du zwei Stunden, bis die Edibles ihre Wirkung entfalten.

Die Wahrheit ist: Die Prozentzahl auf der Blütendose oder dem Extrakt verrät Dir nur, was drinnen ist. Aber nicht, wie viel davon tatsächlich in Deinem Körper aktiv wird.

Hier kommt die Bioverfügbarkeit ins Spiel. Sie gibt an, wie viel des aufgenommenen Wirkstoffs tatsächlich in Deinem Körper aktiv wird.

In diesem Artikel bringen wir Licht ins Dunkel und schauen uns an, wie verschiedene Einnahmeformen die Bioverfügbarkeit beeinflussen. Dieses Wissen hilft Dir dabei, die Reaktionen Deines Körpers besser zu verstehen und gemeinsam mit Deinem Arzt die beste Strategie für Deine Cannabistherapie zu finden.

TL;DR

  • Bioverfügbarkeit: Gibt an, wie viel des aufgenommenen Wirkstoffs (THC) tatsächlich in Deinem Körper aktiv wird.
  • Rauchen: Bioverfügbarkeit zwischen 2 und 56 %. Stark schwankend, kaum standardisierbar und medizinisch nicht empfohlen.
  • Verdampfen: Bioverfügbarkeit zwischen 10 und 35 %. Zuverlässiger als Rauchen, medizinisch bevorzugte Inhalationsmethode.
  • Orale Aufnahme: Bioverfügbarkeit zwischen 4 und 12 %. Verzögerter Wirkungseintritt (1 bis 3 Stunden), dafür lange Wirkdauer von 6 bis 12 Stunden.
  • Nanoemulsionen: Ermöglichen orale Einnahme mit nahezu doppelt so hoher Bioverfügbarkeit im Vergleich zu klassischen Ölen.
  • Sublinguale Aufnahme: Bioverfügbarkeit ca. 13 %.
  • Arztgespräch: Sprich Deinen Arzt gezielt auf die Bioverfügbarkeit der verschiedenen Einnahmeformen an und kläre, welche Einnahmeform zu Deinem Therapieziel passt.

Die Inhalation: Der direkte Weg ins Blut

Bei der Inhalation gelangen die Wirkstoffe über die Lungenbläschen (Alveolen) fast unmittelbar in den Blutkreislauf. Patienten geben häufig an, dass sie die Wirkung nach einer bis fünf Minuten bemerken. Aus wissenschaftlicher Forschung geht hervor, dass die maximale Konzentration im Blutplasma rund 10 Minuten nach der Inhalation erreicht wird [1].

Die Art der Inhalation beeinflusst maßgeblich die Bioverfügbarkeit, also wie viel Wirkstoff bzw. THC tatsächlich im Körper aktiv wird.

Rauchen (Verbrennung)

Das Rauchen von Medizinalcannabis wird medizinisch nicht empfohlen, da die Verbrennung mit Reizungen der Atemwege einhergeht. Zudem ist die Bioverfügbarkeit beim Rauchen schwer zu kalkulieren.

Die meisten Untersuchungen befassen sich mit dem Rauchen als Joint. 

Nach der Verbrennung werden 23 bis 30 % des THCs durch Pyrolyse zerstört [2]. Weitere 40 bis 50 % gehen als Seitenstrom verloren [2]. Als Seitenstrom bezeichnet man den Rauch, der zwischen Zügen entsteht und ungenutzt verpufft.

Somit werden nur ca. 20 bis 37 % des THCs im Hauptstrom geliefert [2]. Wie viel davon tatsächlich im Körper aktiv wird, unterscheidet sich im individuellen Fall enorm. Die Bioverfügbarkeit wird von folgenden Faktoren beeinflusst [2]:

  • Zugtiefe und Zugvolumen
  • Anzahl und Abstände der Züge
  • Filterung
  • Inhalationstiefe
  • Individuelle Unterschiede (Lungenvolumen etc.)

Das führt dazu, dass Studien eine systemische Bioverfügbarkeit von 2 % bis 56 % beim Rauchen aufzeigen [3]. Es werden also zwischen 2 und 56 % des THCs der Blüte schlussendlich im Körper aktiv. Als Orientierungswert wird in der Literatur ein Durchschnitt von ca. 25 % genannt [4].

Die untere Grenze von 2 % stammt daher, dass beim Rauchen viel Wirkstoff zerstört und verloren gehen kann. Die Obergrenze von 56 % erklärt sich dadurch, dass in den Studien optimale Bedingungen verwendet wurden mit minimalem Seitenstrom.

In der Praxis bedeutet das: Rauchen ist als Konsumform kaum standardisierbar, da die im Blut aufgenommene Wirkstoffmenge bei gleicher Ausgangsdosis stark schwanken kann.

Verdampfen

Das Verdampfen von Medizinalcannabis mithilfe eines Vaporizers ist die medizinisch bevorzugte Inhalationsmethode. Da das Pflanzenmaterial nicht verbrannt wird, entstehen im Vergleich zum Rauchen deutlich weniger Schadstoffe und die Reizung der Atemwege fällt geringer aus [5, 6]. Wenn Du mehr dazu erfahren willst, lies gerne unseren Beitrag über die Verdampfung von medizinischem Cannabis.

Durch die schonende Verdampfung des Pflanzenmaterials können Vaporizer mit Temperaturkontrolle bis zu 83 % des THCs in den Dampf überführen [7]. Im Vergleich zum Rauchen als Joint ist dieser Wert so hoch, da kein bzw. kaum Seitenstrom stattfindet und das THC nicht durch die Verbrennung zerstört wird.

Ähnlich wie beim Rauchen, entscheiden auch beim Verdampfen individuelle Faktoren über die tatsächliche Bioverfügbarkeit. Dazu gehören:

  • Gerätetyp
  • Temperatureinstellung
  • Zugtiefe und Zugvolumen
  • Inhalationstiefe
  • Individuelle Unterschiede (Lungenvolumen etc.)

Die systemische Bioverfügbarkeit wird mit 10 bis 35 % angegeben [3]. Das scheint auf den ersten Blick vergleichbar mit dem Rauchen. Der entscheidende Unterschied liegt in der Zuverlässigkeit. Während die Untergrenze der Bioverfügbarkeit beim Rauchen bei 2 % liegt, beträgt sie beim Verdampfen 10 %. Das liegt daran, dass beim Verdampfen weniger Wirkstoff zerstört wird und dass weniger durch den Seitenstrom verloren geht [5, 7]. Diese Verlustquellen entfallen weitestgehend beim Verdampfen.

In der Praxis bedeutet das: Bei gleicher Ausgangsdosis ist die aufgenommene Wirkstoffmenge beim Verdampfen in der Regel konsistenter und besser vorhersehbar. Das ist eine wichtige Voraussetzung für eine kontrollierte Cannabistherapie.

Orale Aufnahme: Der lange Weg durch die Verdauung

Neben der Inhalation sind die orale (über die Verdauung) und sublinguale bzw. oromukosale (über die Mundschleimhäute) Einnahme am häufigsten. In der Praxis sind diese beiden Formen häufig miteinander verknüpft: Wer ein Öl unter die Zunge träufelt, nimmt einen Teil des THCs direkt über die Mundschleimhaut auf, während der Rest über die Verdauung aufgenommen wird.

Orale Aufnahme (Schlucken)

Medizinische Cannabispräparate sind in verschiedenen oralen Darreichungsformen verfügbar. Dazu gehören:

  • Fertige Öle oder Extrakte zum Schlucken
  • Kapseln und Tabletten
  • Vorgefertigte Edibles wie Gummibärchen
  • Selbst zubereitete Edibles aus medizinischen Cannabisblüten oder -extrakten
  • Tee-Zubereitungen aus medizinischen Cannabisblüten

Falls Du mehr zu den Ölen und Extrakten wissen willst, empfehlen wir unseren Beitrag zu Cannabisextrakten in der Apotheke.

Wird Cannabis bzw. THC oral aufgenommen, durchläuft es zwei Mechanismen:

  1. Ein Großteil des THCs wird in der Verdauung abgebaut, bevor es in den Blutkreislauf gelangt [3].
  2. Ein Teil des THCs wird in der Leber zu 11-Hydroxy-THC (11-OH-THC) verstoffwechselt (First-Pass-Effekt). Dieser aktive Metabolit kann die Blut-Hirn-Schranke leichter als THC überwinden und gilt zudem als potenter [4].

Der First-Pass-Effekt erklärt, warum die orale Einnahme häufig als intensiver und länger anhaltend beschrieben wird im Vergleich zur Inhalation [4].

Die systemische Bioverfügbarkeit liegt bei oraler Einnahme bei lediglich 4 bis 12 % [3]. Hinzu kommt ein verzögerter Wirkungseintritt, bei dem die Wirkung erst nach einer bis drei Stunden einsetzt [4]. Dafür kann sie über einen Zeitraum von 6 bis 12 Stunden anhalten [4].

In der Praxis bedeutet das: Die orale Aufnahme wird häufig verschrieben, wenn eine möglichst langanhaltende und konstante Wirkung erwünscht ist. Die Bioverfügbarkeit ist zwar im Vergleich zur Inhalation vermindert, dafür liefert der First-Pass-Effekt ein potenziell verändertes und potenteres Wirkprofil.

Sublinguale Aufnahme

Die sublinguale Einnahme erfolgt durch Öle oder Sprays, die unter die Zunge angewendet werden. Ein Teil des Wirkstoffs kann so direkt über die Mundschleimhaut in den Blutkreislauf gelangen und umgeht somit den First-Pass-Effekt. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass ein großer Teil des Öls oder Sprays geschluckt wird und dennoch den Weg über die Verdauung nimmt [4].

Die Bioverfügbarkeit liegt daher nur geringfügig höher als bei oraler Einnahme und wird auf ca. 13 % geschätzt [4]. Dafür kann die sublinguale Einnahme mit einem schnelleren Wirkungseintritt einhergehen. Studien berichten, dass die Wirkung nach etwa 15 bis 60 Minuten einsetzen kann, wobei der Spitzenwert nach ca. 45 Minuten erreicht wird [4].

In der Praxis bedeutet das: Die sublinguale Aufnahme unterscheidet sich nur geringfügig von der oralen Aufnahme.

Nanoemulsionen und wasserlösliche Formulierungen

Eine neue Entwicklung im medizinischen Cannabismarkt sind Nanoemulsionen. Normalerweise sind Pflanzenextrakte und die Wirkstoffe von medizinischem Cannabis fettlöslich. Fett benötigt allerdings vergleichsweise viel Zeit, um verdaut zu werden, was den Wirkungseintritt der oralen Einnahme entsprechend verzögert. 

Bei den Nanoemulsionen werden THC-Moleküle in winzigen Fetttröpfchen gelöst und in eine wasserlösliche Matrix eingebettet. Das kann zu einer erhöhten Bioverfügbarkeit und einem schnelleren Wirkungseintritt führen.

Eine kontrollierte Crossover-Studie mit 14 Probanden zeigte, dass nanoemulgierende THC- und CBD-Formulierungen eine mehr als doppelt so hohe Bioverfügbarkeit wie klassische Öltropfen erreichten [8]. Zudem setzte die Wirkung deutlich schneller ein mit ca. 15 bis 30 Minuten statt einer bis drei Stunden [8].

In der Praxis bedeutet das: Nanoemulsionen ermöglichen die orale Anwendung von Cannabispräparaten und können trotz des First-Pass-Effekts eine vergleichsweise hohe Bioverfügbarkeit und einen schnelleren Wirkungseintritt erzielen.

Vergleich: Alle Konsumformen auf einen Blick

 

Merkmal Rauchen Verdampfen Orale Aufnahme Sublingual  Nanoemulsion
Bioverfügbarkeit 2 – 56 % 10 – 35 % 4 – 12 % ca. 13 % ca. doppelt so hoch wie bei Ölen
Wirkungseintritt 1 – 10 Minuten 1 – 10 Minuten 1 – 3 Stunden 15 – 60 Minuten 15 – 30 Minuten
Wirkungsdauer 2 – 4 Stunden 2 – 4 Stunden 6 – 12 Stunden 4 – 6 Stunden k. A. 
Atemwegsbelastung Hoch Gering Keine Keine Keine
First-Pass-Effekt Nein Nein Ja Teilweise Ja

 

Was das für Dich als Patient bedeutet

Eine medizinische Cannabistherapie ist für viele Patienten mit erheblichen Kosten verbunden. Vor diesem Hintergrund ist die Bioverfügbarkeit eine wichtige Kennzahl, um die Kosten Deiner Therapie zu kontrollieren.

Für die Inhalation gilt: Der Vaporizer ist die medizinisch empfohlene Methode und bietet auch die zuverlässigste Bioverfügbarkeit. Bei oraler Einnahme sind Nanoemulsionen eine sinnvolle Möglichkeit, um die Bioverfügbarkeit im Vergleich zu klassischen Ölen deutlich zu erhöhen. Dafür gehen sie jedoch mit höheren Kosten einher. 

Die Bioverfügbarkeit ist also ein Faktor, den Du und Dein behandelnder Arzt in die Therapieplanung miteinbeziehen sollten. Sprich Deinen behandelnden Arzt gezielt darauf an: Welche Einnahmeform passt zu Deinem Therapieziel? Gibt es Präparate oder Formulierungen, die eine bessere Bioverfügbarkeit für Dich bieten? Unterstützung dabei, welche Fragen Du mitbringen solltest, findest Du in unserem Beitrag „17 Fragen für das Arztgespräch”.

Quellen

[1] Grotenhermen F. Pharmacokinetics and pharmacodynamics of cannabinoids. Clin Pharmacokinet. 2003;42(4):327-60. doi: 10.2165/00003088-200342040-00003. PMID: 12648025. 

[2] Perez-Reyes M. Marijuana smoking: factors that influence the bioavailability of tetrahydrocannabinol. NIDA Res Monogr. 1990;99:42-62. PMID: 2176276. 

[3] Huestis MA. Human cannabinoid pharmacokinetics. Chem Biodivers. 2007 Aug;4(8):1770-804. doi: 10.1002/cbdv.200790152. PMID: 17712819; PMCID: PMC2689518. 

[4] Radparvar S. Clinical Evaluation of the Cannabis-Using Patient: A Moving Target. Perm J. 2024 Dec 16;28(4):77-86. doi: 10.7812/TPP/24.088. Epub 2024 Oct 28. PMID: 39466129; PMCID: PMC11648329. 

[5] Gieringer, Dale & Laurent, Joseph & Goodrich, Scott. (2008). Cannabis Vaporizer Combines Efficient Delivery of THC with Effective Suppression of Pyrolytic Compounds. Journal of Cannabis Therapeutics. 4. 10.1300/J175v04n01_02. 

[6] Earleywine M, Barnwell SS. Decreased respiratory symptoms in cannabis users who vaporize. Harm Reduct J. 2007 Apr 16;4:11. doi: 10.1186/1477-7517-4-11. PMID: 17437626; PMCID: PMC1853086. 

[7] Lanz C, Mattsson J, Soydaner U, Brenneisen R. Medicinal Cannabis: In Vitro Validation of Vaporizers for the Smoke-Free Inhalation of Cannabis. PLoS One. 2016 Jan 19;11(1):e0147286. doi: 10.1371/journal.pone.0147286. PMID: 26784441; PMCID: PMC4718604. 

[8] Hermush V, Mizrahi N, Brodezky T, Ezra R. Enhancing cannabinoid bioavailability: a crossover study comparing a novel self-nanoemulsifying drug delivery system and a commercial oil-based formulation. J Cannabis Res. 2025 Jun 13;7(1):35. doi: 10.1186/s42238-025-00294-8. PMID: 40514741; PMCID: PMC12166629.

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