Die Geschichte von medizinischem Cannabis in Deutschland: Wie Patienten ihre Medizin erkämpft haben

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Die Geschichte von medizinischem Cannabis in Deutschland: Wie Patienten ihre Medizin erkämpft haben

2026-07-29

Seit dem 1. April 2024 ist vieles einfacher geworden. Du kannst Cannabis heute auf einem ganz normalen Rezept erhalten. Vielleicht gehörst Du zu denjenigen, die zuvor jahrelang die bürokratischen Hürden eines Betäubungsmittelrezepts auf sich genommen haben. 

Oder gehörst Du sogar zu jenen Menschen, die 2017 das Recht auf Cannabis als Medizin erst erkämpft haben? Oder sogar zu jenen, die kurz davor das Recht auf Selbstanbau für schwerkranke Patienten vor Gericht erstritten haben?

Medizinisches Cannabis hat in Deutschland eine lange und wechselhafte Geschichte hinter sich. Dabei geht oft verloren, dass der heutige Status kein Geschenk der Politik war, sondern das Ergebnis eines jahrzehntelangen, mühsamen Kampfes von Patienten und Ärzten.

Wir wollen uns anschauen, wie es dazu kam, dass medizinisches Cannabis heute wieder für Dich zugänglich ist – und wem wir diesen Wandel in der medizinischen Versorgung zu verdanken haben.

TL;DR

  • Früher Standard: Bis ins frühe 20. Jahrhundert war Cannabis in deutschen Apotheken ein etabliertes Arzneimittel und wurde gegen zahlreiche Beschwerden eingesetzt.
  • Politischer Wandel: Ab den 1920er-Jahren wurde Cannabis durch internationale Abkommen, rassistisch motivierte Kampagnen und wirtschaftlichen Druck zunehmend reguliert und schließlich verboten. 
  • Ära der Prohibition: Über Jahrzehnte hinweg wurde Cannabis kriminalisiert. Es verschwand aus der Medizin, während Patienten auf unsichere Versorgungswege angewiesen waren. 
  • Die Rückeroberung: 2016 erstritten Patienten und Ärzte gerichtlich das Recht auf Eigenanbau – die Politik reagierte 2017 mit dem Gesetz „Cannabis als Medizin”. 
  • MedCanG: Seit dem 1. April 2024 ist Cannabis kein Betäubungsmittel mehr und wird auf einem normalen Rezept verschrieben.

Historische Nutzung: Als Cannabis noch in jede Apotheke gehörte

Bevor synthetische Wirkstoffe die moderne Medizin prägten, war Cannabis über Jahrtausende fester Bestandteil der medizinischen Lehre. Von den Kaisern des alten Chinas bis hin zu den Pharaonen Ägyptens wurde Cannabis vielfältig eingesetzt. Auch in Europa war die Pflanze über Jahrhunderte hinweg ein alltäglicher Bestandteil der Heilkunde.

Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts war Cannabisextrakt in Deutschland so alltäglich, wie es heute Aspirin oder Ibuprofen ist. Führende Pharmaunternehmen wie Merck in Darmstadt führten Cannabis ganz offiziell in hoher Reinheit und verschiedenen Darreichungsformen. Es galt als Mittel der Wahl gegen eine Vielzahl von Beschwerden: von Migräne über Schlafstörungen hin zu chronischen Schmerzen und Krämpfen. 

Prominente Anekdoten aus dieser Zeit verdeutlichen, wie Cannabis therapeutisch verwendet wurde: 

  • Queen Victoria soll Cannabis-Tinkturen gegen ihre monatlichen Regelschmerzen verschrieben bekommen haben.
  • Kaiserin Sisi soll auch Cannabis gegen Husten und zur Appetitanregung genutzt haben.

Um das Jahr 1900 begannen Cannabispräparate jedoch, schleichend aus den Apothekenregalen zu verschwinden. Ein Grund war der fundamentale Strukturwandel der Medizin. Die Industrie lernte, Wirkstoffe synthetisch zu isolieren. In diesem Zuge wurden viele traditionelle Pflanzenpräparate durch neue Labor-Präparate ersetzt.

Doch der medizinische Wandel allein erklärt diesen radikalen Bruch nicht. Es waren andere Entwicklungen, die dafür sorgten, dass eine jahrtausendealte Heilpflanze innerhalb weniger Jahrzehnte fast vollständig aus der ärztlichen Praxis verschwand.

Der Weg in die Prohibition: Vom Heilmittel zum Rauschgift

Der schleichende Abschied von Cannabis aus den deutschen Apotheken war kein Zufall. Es war das Ergebnis gezielter gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen.

Der „Marihuana”-Mythos

In den 1920er- und 30er-Jahren entstand in den USA eine Kampagne gegen Cannabis, die zutiefst in rassistischen Vorurteilen verwurzelt war. Das Kalkül: Man wollte die Cannabispflanze mit Minderheiten und Einwanderern assoziieren, um Ängste in der Bevölkerung zu schüren und die Kriminalisierung dieser Gruppen zu rechtfertigen. 

Zuvor waren Begriffe wie „Cannabis“ oder „Hemp“ weit bekannt und positiv besetzt – als bewährte Medizin oder wertvoller Rohstoff. Um dieses positive Bild zu zerstören, wurde der fremd klingende Begriff „Marihuana“ instrumentalisiert. Er sollte fortan eine gefährliche Droge beschreiben, die Menschen angeblich aggressiv und verrückt mache und hauptsächlich von mexikanischen Einwanderern oder schwarzen Bürgern konsumiert wurde. Dass es sich beim Marihuana schlicht um Cannabis bzw. Hemp handelte, wurde bewusst verschwiegen.

Das Verbot erreicht Deutschland

Nach Deutschland gelang diese Entwicklung im Jahr 1925 auf der Zweiten Genfer Opiumkonferenz. Dort wurde Cannabis erstmalig in das internationale Verbotsabkommen aufgenommen. Das geschah allerdings unter großem Widerstand der deutschen Delegierten. Für die heimische Pharmaindustrie war Cannabis ein wichtiges Exportgut.

Die Prohibition in Deutschland wurde anschließend durch wirtschaftlichen Druck forciert. Andere Staaten drohten, den Import von deutschem Heroin und Kokain zu stoppen, was damals wichtige legale Arzneimittel waren. 1929 wurde das Verbot gesetzlich im Opiumgesetz verankert – dem Vorläufer des heutigen Betäubungsmittelgesetzes. 

Den finalen Schlag versetzte 1961 das Einheitsübereinkommen der Vereinten Nationen, als Cannabis endgültig in die Kategorie der gefährlichsten Drogen mit stark eingeschränktem medizinischen Einsatz eingestuft wurde. 1971 entstand daraus das Betäubungsmittelgesetz (BtMG).

Damit war das Kapitel Medizinalcannabis in Deutschland für fast ein halbes Jahrhundert geschlossen. Das Wissen über die Pflanze verschwand zunehmend aus den medizinischen Lehrbüchern. Eine ganze Generation von Ärzten lernte Cannabis fortan nur noch aus der Rubrik „Sucht und Missbrauch“ kennen.

Das Comeback der Medizin: Patienten erkämpfen ihr Recht

Dass Cannabis heute wieder in deutschen Apotheken steht, ist der Verdienst jahrelanger juristischer Kämpfe von Patienten und Ärzten. Über Jahrzehnte hinweg galt Cannabis hierzulande als „nicht verkehrsfähig“, doch ab den 1990er-Jahren änderte sich die Lage.

Forschung ebnet den Weg

Ein wissenschaftlicher Durchbruch legte das Fundament: In den 1990er-Jahren gelang es dem Forscher Raphael Mechoulam, das körpereigene Endocannabinoid-System zu entschlüsseln. Erstmalig gab es eine Erklärung dafür, warum Cannabis so tiefgreifend auf den menschlichen Organismus wirkt. Mehr dazu findest Du in unserem Beitrag über den Entourage-Effekt.

Dennoch verblieb Cannabis in Anlage I des BtMG und durfte nicht ärztlich verschrieben werden. Währenddessen entdeckten immer mehr Patienten, die nach der Schulmedizin als „austherapiert“ galten, die Wirkung der Pflanze für sich. Sie waren gezwungen, ihre Medizin auf dem Schwarzmarkt zu beschaffen und befanden sich dauerhaft im Spannungsfeld zwischen Strafverfolgung und verunreinigter Ware. Aus dieser existenziellen Not heraus entstand eine organisierte Patientenbewegung.

Die Schlüsselfigur: Dr. med. Franjo Grotenhermen und die ACM

Der Arzt Dr. med. Franjo Grotenhermen entwickelte sich zu einer der zentralen Figuren dieses Widerstands. Seine Überzeugung war klar: Das Verbot von Medizinalcannabis verstößt gegen das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit. Gemeinsam mit Mitstreitern gründete er die Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin (ACM). Heute planen wir mit Dr. med. Grotenhermen zusammen ein Webinar über die Führerscheinproblematik für Cannabispatienten.

Jahrelang unterstützte die ACM Patienten dabei, Ausnahmeanträge beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) zu stellen, um Medizinalcannabis zu erhalten. Die Behörden lehnten die Anträge fast ausnahmslos ab, unter der Begründung, dass Cannabis kein anerkanntes Arzneimittel sei.

Der juristische Sieg: Vom Eigenanbau zum Gesetz Cannabis als Medizin

Der entscheidende Wendepunkt wurde schließlich im Gerichtssaal erkämpft. Patienten mit schwersten Erkrankungen wie Multipler Sklerose oder chronischen Schmerzen klagten sich über ein Jahrzehnt lang erfolgreich durch alle Instanzen. Im Jahr 2016 fällte das Bundesverwaltungsgericht ein historisches Urteil: Schwerkranken Patienten muss der Eigenanbau von Cannabis zuhause erlaubt werden, wenn keine andere bezahlbare Therapiealternative existiert.

Dieses Urteil löste heftige Reaktionen im Bundesgesundheitsministerium aus. Um den staatlich legitimierten Eigenanbau zu verhindern, sah sich die Bundesregierung gezwungen, eine gesetzliche Lösung zu schaffen. Das Resultat war das Gesetz „Cannabis als Medizin“, das am 10. März 2017 in Kraft trat. Erstmalig seit 1929 wurde Cannabis in Deutschland wieder offiziell als Medikament anerkannt. Schwerstkranke Patienten konnten nun medizinisches Cannabis durch ein Betäubungsmittelrezept erhalten.

Dieser Meilenstein war ein hart erstrittener Sieg derjenigen, die sich weigerten, ihr Recht auf Therapie einer Ideologie zu opfern.

Die Zeit von 2017 bis 2024: Licht und Schatten

Das Gesetz von 2017 war ein Meilenstein für alle Cannabispatienten. Die Praxis blieb für viele jedoch ein bürokratischer Albtraum. Die Verschreibung per Betäubungsmittelrezept war von der Regressangst der Ärzte und dem enormen Dokumentationsaufwand geprägt.

Zudem lehnten Krankenkassen rund ein Drittel aller Anträge auf Kostenübernahmen ab, teils mit fragwürdigen Begründungen. Für Patienten war die Medizin zwar legal, aber der Weg dorthin war steinig, stigmatisiert, aufwendig und teuer.

2024: Der endgültige Durchbruch durch das MedCanG

Am 1. April 2024 erfolgte der radikalste Einschnitt der jüngeren Geschichte: Das Medizinal-Cannabisgesetz (MedCanG) tritt in Kraft. Cannabis wurde offiziell von der Liste der Betäubungsmittel gestrichen. Für Dich als Patient sind die Folgen enorm:

  • Verschreibung per Normalrezept: Cannabis kann durch ein E-Rezept verordnet werden. Die Hemmschwelle für Mediziner ist massiv gesunken. 
  • Spezialisierte Versorgung: Patienten können heute über zahlreiche spezialisierte Anbieter fachlich fundierte und rechtssichere Beratung ohne monatelange Wartezeiten erhalten.
  • Bessere Verfügbarkeit: Durch erleichterte Logistik und Lagerung in Apotheken ist die Versorgung schneller, zuverlässiger und günstiger geworden.

Fazit: Der Kampf ist noch nicht vorbei

Die Geschichte von Cannabis in Deutschland lehrt eines: Nichts wurde den Patienten geschenkt. Jeder Fortschritt musste gegen Vorurteile, Stigmata und Ideologien erkämpft werden. 

Auch heute ist das Stigma noch nicht verschwunden. In Deutschland werden Einschränkungen in der Verordnung von medizinischem Cannabis diskutiert, wie die jüngste Anhörung zum MedCanG im Gesundheitsausschuss im Januar gezeigt hat. Zudem herrscht in weiten Teilen Europas – etwa Schweden oder Ungarn – immer noch eine strikte Prohibition im medizinischen Bereich. 

Wir stehen heute an einem Punkt, an dem die Medizin endlich beim Patienten ankommt. Sorgen wir gemeinsam dafür, dass es so bleibt.

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