MedCanG im Bundestag: Gesundheitsausschuss am 14.01.2026
2026-01-14
In den vergangenen Wochen haben viele Patientinnen und Patienten Nachrichten gelesen, die Sorgen um die Versorgung mit medizinischen Cannabisblüten ausgelöst haben. Im Raum steht unter anderem ein Versandverbot für Medizinalcannabisblüten sowie Einschränkungen bei der Fernverschreibung.
Wir alle machen uns dabei dieselben Gedanken: „Was bedeutet das für meine Therapie? Für meinen Alltag? Und kann ich mich weiterhin verlässlich mit meinen Medikamenten versorgen?“
Diese Debatte mündete am 14. Januar 2026 in der öffentlichen Anhörung zum MedCanG im Gesundheitsausschuss des Bundestages. Wir waren vor Ort, um die Diskussion zu verfolgen und Euch die Ergebnisse einzuordnen. Damit Du weißt, was Dich jetzt erwartet.
Falls Du kurz den aktuellen Stand aufholen willst, mach das gerne in unserem MedCanG Update zwischen den Jahren.
TL;DR
- Die Expertenmeinungen gehen weit auseinander.
- Einige Sachverständige warnen vor einer Einschränkung der Telemedizin und einem Versandverbot.
- Es zeichnet sich eine Grundsatzentscheidung ab: Die Wahl liegt zwischen einem technischen Kompromiss (etwa über Videosprechstunden) und einer langfristig konsequenten und transparenten Regelung.
- Für Dich ändert sich vorerst nichts. Das Verfahren läuft weiter, im Frühjahr 2026 sind die 2. und 3. Lesung angesetzt.
Was der Gesundheitsausschuss bedeutet
Du fragst Dich vielleicht, welche Rolle genau der Gesundheitsausschuss spielt. Die Funktionsweise ist simpel.
Als zentrales Element im deutschen Bundestag übernimmt der Gesundheitsausschuss folgende Aufgaben:
- Vorbereitung und Beratung zu gesundheitspolitischen Gesetzesentwürfen für den Bundestag
- Fachliche Prüfung von Gesetzesvorhaben
- Anhörungen von Expertinnen und Experten
Die Ausschüsse stellen sicher, dass fach- und sachgerechte Informationen in die Gesetzgebung einfließen. Der Bundestag verabschiedet Gesetze nach drei Lesungen. Lesungen sind dabei die Plenarsitzungen im Bundestag und bilden den Rahmen für die Debatten der Abgeordneten.
Am 18. Dezember fand bereits die erste Lesung zum Gesetzesentwurf statt, der zur weiteren Ausarbeitung dem Gesundheitsausschuss überwiesen wurde. Heute, am 14.01.2026, folgt nun die Expertenanhörung. Geladen waren zahlreiche Sachverständige, u. a. aus dem Deutschen Hanfverband, der Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin und dem Bund Deutscher Cannabis-Patienten.
Wir waren auch vor Ort und fassen die wichtigsten Erkenntnisse zusammen.
Die Anhörung des Gesundheitsausschusses: Was ist passiert?
Du denkst dir jetzt wahrscheinlich: „Und was heißt das jetzt konkret für mich als Cannabis-Patient?“ Schnell wurde deutlich: Die Lage ist kompliziert – und für den Gesundheitsausschuss alles andere als politisch bequem.
Viele Stimmen, unterschiedliche Blickwinkel und Widersprüche
Die Perspektiven der geladenen Expertinnen und Experten gingen erwartungsgemäß auseinander und waren in ihrer Zuspitzung teilweise widersprüchlich. Die Vermischung von Positionen aus Gesundheitspolitik, Innerem und Justiz blieb dabei oft unübersichtlich.
Die Bundesärztekammer (BÄK) sieht eine unzureichende medizinische Evidenz für die Breite der aktuellen Verschreibungspraxis, während Patientenverbände und medizinische Sachverständige die therapeutische Notwendigkeit von Cannabisblüten für Betroffene betonen.
Ähnlich verhält es sich bei der Gewerkschaft der Polizei (GdP): Ein Vertreter warnt mit den Worten: „Die Rauschgiftkriminalität boomt.“ Das steht im scharfen Kontrast zu unserer hauseigenen Umfrage und dem EKOCAN-Bericht. Sie belegen, dass der Schwarzmarkt durch die Neuregelungen effektiv eingedämmt werden konnte.
Ein wichtiger Punkt vieler Sachverständiger war die teils offensive Werbung auf Internetplattformen. Das wurde als eines der aktuell größten Probleme dargestellt. Sachverständige warnen davor, das MedCanG zur Lösung dieses Problems zulasten der Patienten abzuändern.
Für kritische Nachfragen blieb im Ausschuss spürbar zu wenig Raum, weshalb eine abschließende Klärung wichtiger Fragen ausblieb.
Falls Du mehr zu den einzelnen Positionen wissen willst, empfehlen wir die Zusammenfassung des Bundestages.
Die anstehende Grundsatzentscheidung
Hinter den vielen Detailfragen steht eine Entscheidung, die den Patientenalltag direkt betrifft. Geht es um die Schließung eines vermeintlichen Schlupflochs oder geraten diejenigen unter Druck, die Cannabis aus medizinischen Gründen benötigen und auf eine stabile Versorgung, auch im ländlichen Raum, angewiesen sind?
Mögliche Einschränkungen treffen schwerkranke Patientinnen und Patienten, die auf eine verlässliche Versorgung angewiesen sind. Politisch laufen derzeit zwei Szenarien zusammen:
- Ein technischer Kompromiss – etwa über Videosprechstunden oder Einschränkungen beim Versand.
- Eine langfristig konsequente, transparente Regelung, die eine stabile Versorgungsmöglichkeit sicherstellt.
Für diesen zweiten Weg fehlen aktuell die Mehrheiten.
Der Gesetzentwurf für die kommenden Lesungen hängt nun vom formulierten Kompromiss der Gremien ab.
Wir beobachten die Entwicklung genau und setzen uns dafür ein, dass Deine medizinische Versorgung nicht zum Kollateralschaden politischer Symbolpolitik wird. Eure Umfrageergebnisse dazu sind eindeutig.
Was sagen die Patienten?
Nachdem wir uns die Meinungen der Sachverständigen zu Gemüte geführt haben, wollen wir auf Eure Meinung, die Meinung der Patienten, eingehen.
Wir haben eine Umfrage zum möglichen Kollaps der Cannabis-Versorgung gestartet, knapp 10.000 von Euch haben teilgenommen. Eure Ergebnisse sind eindeutig: Für 9 von 10 Betroffenen ist die telemedizinische Betreuung unverzichtbar. Rund 60 % würden bei einem Versorgungscollaps auf den Schwarzmarkt ausweichen, um ihre Medikation sicherzustellen. Weitere 24 % würden den Homegrow als Alternative wählen.
Bisher erfolgt die Versorgung von Patienten hauptsächlich über Telemedizin (95,6 %). Natürlich muss man berücksichtigen, dass eine gewisse Verzerrung bzw. ein Bias vorliegen kann, wenn gezielt eine Telemedizin-Plattform die Umfrage stellt.
Zudem geben knapp 85 % der Befragten an, dass der legale und ärztlich begleitete Weg den Schwarzmarkt spürbar eingedämmt hat. Fast 90 % kennen Fälle, in denen die Behandlung durch die neuen Regulierungen mit weniger Nebenwirkungen einherging.
Die Sicht der Patienten ist klar: Die aktuellen Regelungen verhindern den Rückfall in den Schwarzmarkt. Viele sehen ihre qualifizierte Versorgung im Falle von Einschränkungen bedroht.
Vielen Dank an dieser Stelle an alle, die an der Umfrage teilgenommen haben!
Wer vertritt die Patienten im Bundestag am besten?
Nach Eurer klaren Rückmeldung stellt sich die Frage: Hört auch die Politik den Patienten zu? Die kurze Antwort darauf ist: Ja. Zumindest teilweise.
Die Grünen: Versorgung im Blick
Am nächsten an Eurer Realität ist die aktuelle Position von Bündnis 90/Die Grünen. Sie stellen die Versorgung in den Mittelpunkt.
Die Grünen sehen nach wie vor eine Verschreibung per Videosprechstunde sowie eine Streichung des Versandverbots für Medizinalcannabis vor. Sie erkennen an, dass derartige Versorgungsverbote insbesondere chronisch kranke, mobilitätseingeschränkte und ländlich wohnende Patientinnen und Patienten treffen würden.
Besonders interessant ist, dass diese Sicht nicht nur aus Berlin kommt. Auch aus den Ländern gibt es Rückhalt – Die Landesregierung Thüringen hat ähnliche Positionen bezogen und probiert, diese in die neue Gesetzgebung einfließen zu lassen.
Mehr Bewegung als früher
Spannend ist zudem, dass die Debatte inzwischen das reine Schwarz-Weiß-Schema zwischen CDU und SPD verlassen hat. Selbst die Alternative für Deutschland hat einen eigenen Antrag eingebracht. Trotz unserer kritischen Haltung aus Patientensicht zeigt sich hier: Das Thema ist in der Mitte der Politik angekommen.
Ansonsten spricht sich die SPD zunehmend für einen ärztlich kontrollierten Zugang und eine klare Abgrenzung zum Schwarzmarkt aus. Der aktuelle Gesetzesentwurf aus dem SPD-geführten Gesundheitsministerium sieht ungeachtet dessen Verschärfungen vor. Hier muss die SPD beweisen, ob sie den Patientenschutz ernst meint oder lediglich bürokratische Hürden aufbaut.
Die CDU/CSU positioniert sich als schärfste Kritikerin der aktuellen Praxis. Unter dem Banner der „Missbrauchsvermeidung“ fordert sie massive Einschränkungen. Konkret gehören dazu:
- Physischer Arztkontakt: Die Erstverschreibung soll zwingend mit einer persönlichen Untersuchung vor Ort einhergehen. Auch für Folgeverordnungen fordern sie einen persönlichen und physischen Kontakt mindestens einmal pro Jahr.
- Versandverbot für Blüten: Mit der Begründung, dass Cannabisblüten kein standardisiertes Fertigarzneimittel seien, wird ein Versandverbot als mildere Alternative zur Rückstufung ins Betäubungsmittelrecht (BtMG) verkauft.
- Werbeverbot: Insbesondere die Werbung steht im Fokus der Kritik der CDU/CSU.
Wie es weitergeht
Der Ausschuss berät nach der Anhörung intern weiter und integriert die Expertenmeinungen in den Entwurf. Die zweite und dritte Lesung im Bundestag sind für das Frühjahr 2026 angesetzt. Der weitere Verlauf entscheidet über die Richtung der Gesetzgebung.
Wir informieren Dich, sobald es einen neuen Stand gibt.
Was Du jetzt tun kannst
Die Anhörung zeigt: Die Politik schaut jetzt ganz genau hin. Dabei bleiben regulatorische Rahmenbedingungen veränderbar. Der Vorwurf der „Gefälligkeitsrezepte“ dient als Hauptargument gegen den Versandweg und Videogespräche. Als Patient trägst Du dazu bei, die medizinische Integrität der Therapie zu untermauern.
- Sorgfalt sichert die Therapie: Eine ordnungsgemäße und fundierte Therapie entkräftet das Argument des „Missbrauchs“.
- Nutze Deine Stimme: Schreibe Deinem Abgeordneten sachlich, warum die Versorgung für Deinen Alltag essenziell ist. Wir haben dafür ein eigenes Tool entwickelt, welches Dich dabei mit KI unterstützt.
- Bleib informiert: Der aktuelle Entwurf dient vorerst als Diskussionsgrundlage. Der Widerstand gegen Einschränkungen ist spürbar. Wir halten Dich über jeden Schritt im Gesetzgebungsverfahren auf dem Laufenden.
Was wir für Dich tun
Wir begleiten die Entwicklungen rund um das MedCanG direkt vor Ort. Wir waren im Ausschuss, haben die Anhörung verfolgt, Gespräche geführt und Positionen eingeordnet. Unser Anspruch bleibt: Wir setzen uns dafür ein, dass medizinisches Cannabis dort verfügbar bleibt, wo es medizinisch sinnvoll ist. Und im Prozess informieren wir Dich ehrlich und fundiert über die Entwicklungen.