Minor Cannabinoids: Warum CBG, CBN & Co. jetzt in den Fokus der Forschung rücken
2026-08-11
Medizinische Cannabisblüten sind ein komplexes Naturprodukt. Neben den bekannten Wirkstoffen stecken in der Pflanze über 100 weitere Cannabinoide sowie eine Vielzahl wertvoller Terpene und Flavonoide.
Lange Zeit wurden therapeutische Effekte allein dem THC zugeschrieben. Doch der Erfolg von CBD-Präparaten wie Epidyolex bei Epilepsie hat gezeigt: Einzelne Cannabinoide können gezielt therapeutisch eingesetzt werden, wobei das Potenzial der Cannabispflanze noch nicht vollständig bekannt ist.
Genau deshalb rücken „Minor Cannabinoids“ wie CBG, CBC und CBN jetzt in den Fokus der Forschung. Ziel der Forschung ist es zu verstehen, welche neuen therapeutischen Wege sich eröffnen können und welche Rolle sie im Zusammenspiel mit dem körpereigenen Endocannabinoid-System spielen.
TL;DR
- Mehr als THC: Cannabis enthält über 100 identifizierte Cannabinoide.
- Im Fokus der Forschung: Cannabigerol (CBG), Cannabinol (CBN), Cannabichromen (CBC) und Tetrahydrocannabivarin (THCV) werden zunehmend wissenschaftlich untersucht.
- Hürden: Die jahrzehntelange Prohibition und geringe natürliche Konzentrationen der Minor Cannabinoide haben Studien bisher erschwert.
- Ausblick: Minor Cannabinoide könnten zukünftig dazu beitragen, das Verständnis der Cannabistherapie weiter zu differenzieren.
Cannabis besteht aus mehr als THC
Wer an medizinisches Cannabis denkt, hat meist sofort THC im Kopf. Doch die Pflanze gleicht eher einem hochkomplexen Orchester aus zahlreichen Inhaltsstoffen. THC und CBD sind zwar die bekanntesten Vertreter, aber sie sind nur zwei von über 100 identifizierten Cannabinoiden der Hanfpflanze.
Cannabinoide sind die primären Wirkstoffe der Hanfpflanze. Sie entfalten ihre Effekte durch die Interaktion mit dem körpereigenen Endocannabinoid-System. Neben den Cannabinoiden spielen auch aromatische Terpene und farbgebende Flavonoide eine Rolle. Die Forschung geht zunehmend davon aus, dass die Inhaltsstoffe von Cannabis nicht isoliert betrachtet werden sollten. Stattdessen vermutet man einen synergetischen Effekt, oft als Entourage-Effekt bezeichnet, bei dem das Zusammenspiel der Inhaltsstoffe die therapeutische Gesamtwirkung beeinflussen und erweitern kann.
Zur Vertiefung: Wenn Du tiefer in die einzelnen Bestandteile eintauchen möchtest, findest Du weiterführende Informationen in unseren Beiträgen zum Entourage-Effekt sowie zu Terpenen und Flavonoiden. Sogar weniger bekannte Stoffe wie Ester und Thiole behandeln wir in einem eigenen Beitrag.
Ein technisches Detail ist wichtig, um die Forschung zu Cannabinoiden richtig nachzuvollziehen. In der lebenden Cannabispflanze liegen Cannabinoide fast ausschließlich in ihrer Säureform vor. THC findet sich dort beispielsweise als THCA, CBD als CBDA. Das Suffix „-A” steht dabei für „Acid” (Säure).
Erst durch den Einfluss von Licht, Zeit oder Hitze findet ein chemischer Prozess namens Decarboxylierung statt. Dabei werden die Säureformen in ihre bekannteren, neutralen Formen wie THC oder CBD umgewandelt.
Lange Zeit galten die Säureformen als inaktiv, da THCA beispielsweise keine berauschende Wirkung erzeugt. Dieses Bild hat sich in der Wissenschaft gewandelt. Aktuell wird untersucht, ob die Säureformen bei bestimmten Indikationen nicht sogar spezifische Vorteile bieten könnten.
Die moderne Cannabisforschung betrachtet nicht nur das fertige Endprodukt, sondern die gesamte chemische Entwicklung der Blüte. Das kann langfristig neue Möglichkeiten für maßgeschneiderte Rezepturen ermöglichen.
Gut zu wissen: Die Cannabinoide, die in Pflanzen wie Cannabis vorkommen, nennt man auch Phytocannabinoide. Cannabinoide, die der menschliche Körper selbst produziert, bezeichnet man als Endocannabinoide (wie z. B. Anandamid oder 2-AG).
Welche Cannabinoide aktuell im Fokus der Forschung stehen
Während THC und CBD bereits gut erforscht sind, rücken nun die sogenannten „Minor Cannabinoids“ nach. Sie kommen meist in deutlich geringeren Konzentrationen vor, woher auch der Name rührt.
CBG (Cannabigerol) – „Die Mutter aller Cannabinoide“
Cannabigerol gilt als chemische Mutter aller Cannabinoide, da viele andere Cannabinoide aus seiner Säureform (CBGA) entstehen. In der reifen Blüte ist CBG oft kaum noch vorhanden, da es sich bereits umgewandelt hat. Um dieses Cannabinoid besser untersuchen zu können, werden seit einigen Jahren gezielt CBG-reiche Sorten gezüchtet.
Nach aktuellem Forschungsstand gilt CBG als nicht berauschend. Untersuchungen deuten darauf hin, dass CBG potenziell neuroprotektiv (nervenschützend) wirken könnte [1]. Zudem wird CBG im Zusammenhang mit entzündlichen Darmerkrankungen untersucht [2].
CBN (Cannabinol): Das vermeintliche Schlaf-Cannabinoid
Cannabinol (CBN) nimmt eine Sonderrolle ein, da es nicht direkt von der Pflanze produziert wird. Stattdessen entsteht es durch die Oxidation von THC, also wenn Cannabis altert oder in Kontakt mit Sauerstoff und Licht tritt [3]. Daher ist CBN vermehrt in länger gelagerten Blüten vorzufinden [4]. Lange Zeit wurde CBN als Abbauprodukt vernachlässigt, doch aktuelle Studien lassen das Interesse an CBN wieder aufleben.
Heute steht CBN im Zentrum von Untersuchungen zur Schlafqualität. Eine aktuelle Tierstudie der University of Sydney lieferte erstmals objektive Hinweise darauf, dass CBN die Schlafarchitektur positiv beeinflussen könnte [5]. Eine randomisierte, placebokontrollierte Humanstudie deutet zudem darauf hin, dass CBN nächtliche Aufwachereignisse und Schlafstörungen reduzieren könnte – ohne die psychoaktive Wirkung von THC [6]. Es wird daher erforscht, ob CBN gezielt zur Therapie bei Patienten mit chronischen Schlafstörungen eingesetzt werden könnte.
CBC (Cannabichromen) – Fokus auf Regeneration
Cannabichromen (CBC) hat in Untersuchungen ein besonders interessantes Verhalten gezeigt. Es interagiert kaum mit den CB1-Rezeptoren, die für die Rauschwirkung von THC verantwortlich sind. Stattdessen bewies CBC eine hohe Affinität zu den sogenannten TRP-Kanälen [7]. Diese sind an der Schmerzwahrnehmung und der Temperaturregulierung des Körpers beteiligt.
Für große Wellen in der Fachwelt hat eine Untersuchung im Fachjournal Neurochemistry International gesorgt. Sie befasste sich mit der Wirkung von CBC auf neurale Stammzellen. Die Daten legen nahe, dass CBC die Neurogenese, also die Bildung neuer Nervenzellen, unterstützen könnte [8]. Damit rückt CBC zunehmend als potenzieller Kandidat für die unterstützende Therapie bei neurodegenerativen Erkrankungen in den Fokus.
THCV (Tetrahydrocannabivarin) – Fokus auf Stoffwechsel
Tetrahydrocannabivarin (THCV) ist strukturell dem THC recht ähnlich, die Eigenschaften unterscheiden sich jedoch grundlegend. In moderaten Dosierungen scheint THCV keine berauschende Wirkung wie THC auszuüben [9].
Stattdessen wird THCV in präklinischen Untersuchungen vor allem hinsichtlich appetitregulierender Effekte diskutiert. In Tierstudien konnte THCV eine Zügelung des Appetits und eine Verbesserung der Insulinaktivität hervorrufen [10]. Forscher interessieren sich für den potenziellen Einsatz bei Stoffwechselerkrankungen wie Typ-2-Diabetes [11]. Damit könnte THCV ein spannender Gegenpol zum THC sein, welches häufig als appetitanregend beschrieben wird.
Minor Cannabinoide im Überblick
| Cannabinoid |
Forschungsschwerpunkte |
Vorkommen |
Besonderheit |
| CBG (Cannabigerol) |
Neuroprotektivität, entzündliche Darmerkrankungen |
Gering in reifen Blüten, höher in früh geernteten oder gezielt gezüchteten Sorten. |
Vorläufermolekül fast aller anderen Cannabinoide. |
| CBN (Cannabinol) |
Schlafqualität, Erholung |
Konzentration steigt durch Oxidation (Lagerung unter Licht/Luft). |
Entsteht nicht direkt in der Pflanze, sondern durch den Abbau von THC. |
| CBC (Cannabichromen) |
Neurogenese, Schmerzwahrnehmung |
In den meisten Sorten nur in sehr geringen Mengen vorhanden. |
Interagiert kaum mit CB1-Rezeptoren, dafür mit den TRP-Kanälen. |
| THCV (Tetrahydrocannabivarin) |
Stoffwechsel, Appetitregulation, Typ-2-Diabetes |
Meist nur in Spuren vorhanden |
Strukturell ähnlich wie THC, scheint aber gegensätzlich auf den Appetit zu wirken |
Warum die Forschung bei Minor Cannabinoids noch am Anfang steht
Es gibt klare Gründe, weshalb diese Cannabinoide trotz vielversprechender Ansätze noch nicht so umfassend erforscht sind wie THC oder CBD. Die Ursachen liegen in einer Kombination aus jahrzehntelanger Prohibition, regulatorischer Hürden und biologischen Herausforderungen.
Über die letzten Jahrzehnte war es Wissenschaftlern weltweit kaum möglich, Cannabis zu untersuchen. Forschung war entweder vollständig verboten oder mit extremen bürokratischen Hürden verbunden. Dieser Forschungsstau löst sich erst jetzt langsam auf.
Neben den politischen Rahmenbedingungen ist die Biologie der Pflanze eine weitere Hürde. Minor Cannabinoide kommen naturgemäß meist nur in sehr geringen Konzentrationen in der Hanfpflanze vor. Für aussagekräftige klinische Studien sind jedoch reine, isolierte Stoffe in größeren Mengen notwendig.
Fortschritte in den Extraktionsverfahren und die selektive Züchtung auf höhere Gehalte dieser speziellen Cannabinoide wirken diesem Problem zunehmend entgegen und ebnen den Weg für eine detaillierte Forschung.
Finger weg von Trend-Cannabinoiden!
In den letzten Jahren tauchen in Kiosken, Spätis und Onlineshops vermehrt Substanzen mit Namen wie HHC, THCP oder H4CBD auf, die als legale Alternativen zu Cannabis beworben werden. Doch hinter diesem Marketing verbirgt sich eine lebensgefährliche Täuschung. Diese vermeintlichen Trend-Cannabinoide sind nichts anderes als Spice bzw. synthetische Cannabinoide.
Cannabinoide wie HHC oder THCP entstehen fast immer durch die chemische Umformung von THC oder CBD im Labor. Bei dieser halbsynthetischen Herstellung entstehen unvorhersehbare Moleküle, die teils tausendmal stärker wirken können als natürliches THC. Da diese chemischen Cocktails keinerlei Kontrolle unterliegen, bleibt jeder Konsum ein lebensgefährliches Experiment. Am Ende kaufst Du kein Naturprodukt, sondern eine unberechenbare Designer-Droge.
Fazit: Die Forschung steht erst am Anfang
Die Erforschung der Minor Cannabinoids zeigt, dass sich der Fokus der Cannabistherapie von isolierten Einzelwirkstoffen wie THC hin zum komplexen Zusammenspiel der Pflanze verschiebt. Forscher erhoffen sich, dass Therapien künftig noch individueller gestaltet werden können. Dabei könnte das Cannabinoidprofil einer Blüte eine wichtige Rolle spielen, ähnlich wie heute das Terpenprofil.
Auch wenn diese Ansätze Gegenstand aktueller Forschung sind, deutet sich bereits an, dass sich das Verständnis von Cannabis immer weiterentwickelt und neue Möglichkeiten für eine differenzierte Therapie entstehen.
Quellen
[1] Li S, Li W, Malhi NK, Huang J, Li Q, Zhou Z, Wang R, Peng J, Yin T, Wang H. Cannabigerol (CBG): A Comprehensive Review of Its Molecular Mechanisms and Therapeutic Potential. Molecules. 2024 Nov 20;29(22):5471. doi: 10.3390/molecules29225471. PMID: 39598860; PMCID: PMC11597810.
[2] Borrelli F, Fasolino I, Romano B, Capasso R, Maiello F, Coppola D, Orlando P, Battista G, Pagano E, Di Marzo V, Izzo AA. Beneficial effect of the non-psychotropic plant cannabinoid cannabigerol on experimental inflammatory bowel disease. Biochem Pharmacol. 2013 May 1;85(9):1306-16. doi: 10.1016/j.bcp.2013.01.017. Epub 2013 Feb 12. PMID: 23415610.
[3] Jaidee W, Siridechakorn I, Nessopa S, Wisuitiprot V, Chaiwangrach N, Ingkaninan K, Waranuch N. Kinetics of CBD, Δ9-THC Degradation and Cannabinol Formation in Cannabis Resin at Various Temperature and pH Conditions. Cannabis Cannabinoid Res. 2022 Aug;7(4):537-547. doi: 10.1089/can.2021.0004. Epub 2021 Jun 4. PMID: 34096805; PMCID: PMC9418372.
[4] Harvey DJ. Stability of cannabinoids in dried samples of cannabis dating from around 1896-1905. J Ethnopharmacol. 1990 Feb;28(1):117-28. doi: 10.1016/0378-8741(90)90068-5. PMID: 2314109.
[5] Arnold, J. et al ‘A sleepy cannabis constituent: cannabinol and its active metabolite influence sleep architecture in rats’, Neuropsychopharmacology (2024). DOI: 10.1038/s41386-024-02018-7
[6] Bonn-Miller MO, Feldner MT, Bynion TM, Eglit GML, Brunstetter M, Kalaba M, Zvorsky I, Peters EN, Hennesy M. A double-blind, randomized, placebo-controlled study of the safety and effects of CBN with and without CBD on sleep quality. Exp Clin Psychopharmacol. 2024 Jun;32(3):277-284. doi: 10.1037/pha0000682. Epub 2023 Oct 5. PMID: 37796540.
[7] Maione S, Piscitelli F, Gatta L, Vita D, De Petrocellis L, Palazzo E, de Novellis V, Di Marzo V. Non-psychoactive cannabinoids modulate the descending pathway of antinociception in anaesthetized rats through several mechanisms of action. Br J Pharmacol. 2011 Feb;162(3):584-96. doi: 10.1111/j.1476-5381.2010.01063.x. PMID: 20942863; PMCID: PMC3041249.
[8] Shinjyo N, Di Marzo V. The effect of cannabichromene on adult neural stem/progenitor cells. Neurochem Int. 2013 Nov;63(5):432-7. doi: 10.1016/j.neuint.2013.08.002. Epub 2013 Aug 11. PMID: 23941747.
[9] Mendoza S. The role of tetrahydrocannabivarin (THCV) in metabolic disorders: A promising cannabinoid for diabetes and weight management. AIMS Neurosci. 2025 Mar 12;12(1):32-43. doi: 10.3934/Neuroscience.2025003. PMID: 40270953; PMCID: PMC12011981.
[10] Wargent ET, Zaibi MS, Silvestri C, Hislop DC, Stocker CJ, Stott CG, Guy GW, Duncan M, Di Marzo V, Cawthorne MA. The cannabinoid Δ(9)-tetrahydrocannabivarin (THCV) ameliorates insulin sensitivity in two mouse models of obesity. Nutr Diabetes. 2013 May 27;3(5):e68. doi: 10.1038/nutd.2013.9. PMID: 23712280; PMCID: PMC3671751.
[11] Jadoon KA, Ratcliffe SH, Barrett DA, Thomas EL, Stott C, Bell JD, O’Sullivan SE, Tan GD. Efficacy and Safety of Cannabidiol and Tetrahydrocannabivarin on Glycemic and Lipid Parameters in Patients With Type 2 Diabetes: A Randomized, Double-Blind, Placebo-Controlled, Parallel Group Pilot Study. Diabetes Care. 2016 Oct;39(10):1777-86. doi: 10.2337/dc16-0650. Epub 2016 Aug 29. PMID: 27573936.